Was steckt hinter den sozialen Medien?

Ist es nicht unheimlich, dass ich heute auf allen Internetseiten Werbung für Nike-Schuhe bekomme, nachdem ich gestern nach neuen Sneakern gegoogelt habe? Wie kann es sein, dass mir Posts zum Thema Abnehmen angezeigt werden, seitdem ich vorhin jemandem gefolgt bin, der Fitness-Beiträge hochlädt? 

Soziale Medien sind aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Immer mehr Menschen richten sich Accounts auf den beliebten Internet-Plattformen ein, das betrifft insbesondere die junge Generation. Ja, sogar Grundschüler sind schon auf Instagram, TikTok und Co. aktiv. Inzwischen ist ein Instagram-Account fast schon zu einer Art Markenzeichen geworden, um dazuzugehören.  

Groteskerweise wissen jedoch die Wenigsten, was sich eigentlich im Hintergrund abspielt. Man könnte sagen, dass soziale Medien eines der größten Mysterien des digitalen Zeitalters sind. Das ist hinsichtlich ihrer äußerst komplizierten Funktionsweise nicht verwunderlich. Dennoch ist es wichtig, das System dahinter zu kennen, sich mit den Tücken von Instagram und Co. auseinanderzusetzen und auf die lauernden Gefahren aufmerksam gemacht zu werden.  

Das haben sich die Macher von ,,The Social Dilemma“, einer Netflix-Eigenproduktion, zur Aufgabe gemacht. Im Interview mit 14 Experten auf diesem Gebiet klären sie über die Maschen der großen Tech-Unternehmen auf. Das Interessante: Sieben von ihnen waren einmal Angestellte bei Apple, Google, Facebook, Instagram, Twitter oder Pinterest, manche sogar Vorsitzende. Sie alle verließen das Silicon Valley aufgrund ethischer Bedenken an ihrer Arbeit in dieser Branche. 

Was ist also das Problem mit den sozialen Medien? 

Diese Frage lässt sich nicht in einem Satz beantworten. In Wahrheit gibt es mehrere Problematiken des Systems von sozialen Medien, die alle zusammenwirken.  

Soziale Medien – ein einziger Fluch? 

Zunächst einmal muss man gestehen, dass durch soziale Netzwerke schon viel Gutes bewirkt werden konnte. Tim Kendall, ehemaliger Präsident von Pinterest, erinnert daran, dass die Plattformen dabei halfen, Organspender oder vermisste Personen zu finden. Die Experten sind sich einig, dass die Netzwerke aus positiven Intentionen heraus entstanden sind. Dass sie jedoch auch für böse Zwecke missbraucht werden und sich so schnell in die falsche Richtung entwickeln würden, hatte keiner der Plattformengründer vorhergesehen oder beabsichtigt. 

Finanzielle Interessen im Hintergrund 

Doch genau diese Entwicklung der sozialen Netzwerke setzt sich fort und sorgt für Beunruhigung. Tristan Harris, ehemaliger Designethiker bei Google, erklärt die drei zentralen Ziele, die die genannten Tech-Unternehmen verfolgen. Sie sind ein wesentlicher Grund dafür, dass soziale Medien ihre Nutzer ausbeuten und zur Bedrohung für sie geworden sind. Laut Harris gibt es:  

  1. Das Werbeziel: Das übergeordnete Interesse von Plattformen, wie Facebook und Google, ist es, dass du während der Nutzung von ihnen möglichst viel Werbung angezeigt bekommst. Auf diesem Weg verdienen die Konzerne das meiste Geld. 
  2. Die Maximierung der Bildschirmzeit: Damit die Unternehmen besonders viel Geld einnehmen, sollst du so viel Zeit wie möglich auf den Plattformen verbringen. Eine höhere Bildschirmzeit bedeutet gleich, dass dir mehr Werbung angezeigt werden kann. 
  3. Das Wachstumsziel: Die Unternehmer der Tech-Branche möchten, dass du möglichst viele Freunde auf die jeweiligen Plattformen einlädst. So gelangen sie zu mehr Nutzern, die Werbung konsumieren werden und ihnen das Geld eintreiben. 

Justin Rosenstein, ehemaliger Ingenieur bei Google und Facebook, legt dar, dass die großen Silicon Valley-Unternehmen werbefinanziert sind. Das bedeutet, dass Werber den Unternehmen Geld zahlen, damit wir als Nutzer ihre Werbung sehen. Uns mag es dabei so vorkommen, als wäre die Nutzung dieser Plattformen kostenlos. Rosenstein betont jedoch, dass wir mit unserer Aufmerksamkeit bezahlen. ,,Wir sind das Produkt, [denn] unsere Aufmerksamkeit […] wird an die Werber verkauft“, meint er. So verhelfen die Tech-Firmen den Werbern zum Erfolg und sichern sich gleichzeitig hohe Geldsummen. 

Überwachung als Geschäftsmodell 

In diesem Zusammenhang sprechen die Experten auch von einem weiteren Problem, dem sogenannten Überwachungskapitalismus. Das ist ,,Kapitalismus, der davon profitiert, dass er jeden Schritt, den jemand macht, tracken kann“, so Tristan Harris. Alles, was wir online tun, wird beobachtet, gemessen und aufgezeichnet, erklärt auch der ehemalige Leiter im Produktmanagement von Twitter, Jeff Seibert. Wusstest du zum Beispiel, dass jedes Mal, wenn du dir ein Bild auf Instagram ansiehst, im Hintergrund eine Uhr tickt und misst, wie lange du dir das Bild ansiehst? Durch all diese Daten kann ein ganzes Modell zu deiner Person erstellt werden, welches deine Interessen kennt. Es sieht vorher, welche Inhalte dich interessieren könnten, damit du länger auf der Internet-Plattform bleibst und die Tech-Firmen mehr Profit erzielen. 

 Die gefährliche Masche mit Falschnachrichten 

Von besonderem Ausmaß ist die Bedrohung durch Fake News. Falschnachrichten verbreiten sich auf sozialen Medien im Schnitt sechs Mal schneller als wahre Nachrichten. Das ist von Facebook sogar extra so gewollt, meinen die Experten. Fake News werden öfter geclickt und erzielen für die Tech-Unternehmen wesentlich größere Gewinne als die vergleichsweise langweilig wirkende Wahrheit. Bei der Menge an Fakes können viele Nutzer gar nicht wissen, welche Informationen noch stimmen. Wenn jeder allerdings Anspruch auf seine eigene Wahrheit erhebt, es kein gemeinsames Verständnis mehr von Realität gibt und Kompromissfindung zunehmend schwieriger wird, droht die Bildung verfeindeter gesellschaftlicher Lager, warnt der Investor Roger McNamee. Im schlimmsten Fall könnte sich das sogar zu einem Bürgerkrieg entwickeln, befürchtet der frühere Pinterestpräsident Tim Kendall. 

Zwischen sozialer Vernetzung und Abhängigkeit 

Bei der Frage nach dem Problem der sozialen Medien ist noch ein weiterer Faktor von immenser Bedeutung. Social Media hat ein enormes Suchtpotenzial. Dr. Anna Lembke, medizinische Leiterin der Stanford School of Medicine, beschreibt die sozialen Netzwerke als eine Droge. Als Menschen liegt es in unserer Natur, mit anderen in Kontakt zu treten, erläutert sie. Da die Internet-Plattformen die Verbindung zu anderen erleichtern und verbessern, ist es laut Lembke eindeutig, dass ihre Nutzung süchtig machen kann.  

Besorgniserregend sind jedoch die Auswirkungen, die eine derartige Sucht auf junge Menschen hat. Die Experten merken an, dass soziale Medien immer mehr über unser Selbstwertgefühl und unsere Identität bestimmen. Kurzfristige Belohnungen für das, wie uns andere Nutzer auf den Plattformen wahrnehmen, z.B. durch Likes, verschmelzen mit unserer Vorstellung von Wahrheit. Chamath Palihapitiya, der früher eine leitende Position bei Facebook innehatte, stellt jedoch klar, dass diese vermeintliche Beliebtheit nur in unserer Vorstellung existiert und schnell wieder zusammenbricht. Das führt dazu, dass man sich nach dem Posten eines Bildes, das nicht die gewünschte Resonanz erzielen konnte, innerlich leerer fühlt als zuvor.  

Wie sich dieses Gefühl bei Jugendlichen äußert, zeigt ein Blick auf die Statistiken. Seit ca. 2009 ist dort ein deutlicher Anstieg von Depressionen vor allem unter US-Teenagerinnen zu verzeichnen. Bei 15-19 jährigen Mädchen stieg die Zahl derer, die aufgrund von Selbstverletzungen ins Krankenhaus mussten, bis 2015 um 62% an. Unter 10-14 jährigen Mädchen betrug der Anstieg sogar 189%. Dasselbe Bild zeigt sich erschreckenderweise auch bei Statistiken zu Selbstmorden unter Mädchen. Laut dem Professor für Psychologie, Jonathan Haidt, sind beide Anstiege auf den Konsum sozialer Medien zurückzuführen. Eine gesamte Generation ist folglich depressiver, so Haidt. Die Experten äußern sich besorgt, dass Kinder und Jugendliche dazu erzogen werden, soziale Medien zur Bewältigung schwerer Zeiten zu benutzen und die Fähigkeit verlieren, selbst damit umzugehen. 

Fazit 

Die Bedrohung sozialer Medien ist existentiell und betrifft jeden einzelnen von uns. Die Tech-Giganten stehen in der Pflicht, Strategien zu entwickeln, damit ihre Plattformen das politische und gesellschaftliche Gefüge nicht mehr gefährden. Sowohl in den USA als auch in Europa drohen den Konzernen bereits strenge gesetzliche Regelungen. Ob und wie die Unternehmen darauf reagieren werden, bleibt jedoch abzuwarten. 

Ich empfehle den Film wirklich jedem, der die Möglichkeit dazu hat, ihn einmal anzuschauen. Derartige Themen gehören im Zeitalter der Digitalisierung definitiv zur schulischen Bildung dazu. Hast du etwas Neues über das System sozialer Medien gelernt? Teile es gerne in den Kommentaren unter diesem Beitrag mit! 

Quelle: Film ,,The Social Dilemma“; Text: Mathilda A.; Beitragsbild: unsplash

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