Raum und Zeit

Schweißgebadet saß ich da in meinem Bett, als ich eines Nachts durch ein schrilles Geräusch aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Ich weiß bis heute nicht, ob ich mir das, was einem hysterischen Schrei ähnelte, nur eingebildet habe. Vielleicht war es aber auch real.

Wie verzaubert stieg ich in der besagten Nacht, während die Wanduhr 2 Uhr schlug, aus meinem kuschelig-warmen Bett in meine Schlappen und zog durch die finstere Wohnung. Es war zwar stockdüster, aber die Augen gewöhnten sich an die Umstände. Der Vollmond schien durch die Fenster herein. Schnell wurde mir klar: Ich sollte schlafen gehen. Es ist zu spät, um noch herumzugeistern. Doch aus irgendeinem Grund öffnete ich die Wohnungstür. Ich schritt zu dem grell leuchtenden Fahrstuhl. Plötzlich durchfuhr mich eine intensive Gänsehaut. Im selben Moment flog die Wohnungstür hinter mir zu. Es gab also kein Zurück mehr. Es fühlte sich so an, als wäre ich nicht mein eigener Herr. Vielleicht war es auch einfach der gefährliche Halbschlaf. Als ich in den Fahrstuhl trat, nahm die Atmosphäre eine hundertachtziggrad-Wendung. Der Kontrast zwischen dem finsteren Treppenhaus und dem kalten und viel zu hellen Licht des Fahrstuhls lähmte mich einen Moment lang. Was besonders an dieser Nacht war: Die Tasten sahen ganz anders aus als sonst. Da waren statt gewöhnlicher Zahlen römische abgebildet. Nachdem ich womöglich mehrere Minuten lang tatenlos in dem Fahrstuhl die Tasten studierte, setzte er sich von selbst mit einer Geschwindigkeit in Gang, die ich sonst nicht kannte. Das Licht flackerte wie verrückt. Als ich aus dem Fenster der Fahrstuhltür blickte, sah ich gar nichts. Kein Treppenhaus mehr. Einfach nur schwarz.

Abrupt blieb der Fahrstuhl stehen, sodass ich fast umfiel. Mir wurde schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam, stieg ich aus, um herauszufinden, was um alles in der Welt gerade passiert ist. Ein kalter Windzug bereitete mir Gänsehaut. Der Ort war ganz anders, als erwartet. Wo bin ich? Wie konnte das passieren? Panik durchfuhr meinen Körper. Ich will wieder zurück. Doch als ich mich umdrehte, konnte ich meinen Augen nicht trauen… Der Fahrstuhl war verschwunden. Was sollte das? Ich sah mich um. Ich befand mich nach wie vor in dem gleichen Treppenhaus, doch irgendetwas war anders. Die Wände waren braun tapeziert. Die Türen hatten keine Klingel, sondern Türklopfer aus Messing. Aus dem Fenster des Treppenhauses sah ich, dass wir Tag hatten. Draußen parkten ganz viele altmodische Autos. Die Menschen wirkten auch ganz anders. Sie trugen Schlaghosen und merkwürdig-schrille T-Shirts. Als ich vor meiner Wohnungstür stand, wollte ich meinen Notfall-Schlüssel aus einen meiner Schuhe nehmen, doch es gab ein Problem. Ich fand meine Schuhe nicht. Daher klopfte ich an der Tür. Aber es war keiner da. Ich beschloss einfach rauszugehen, bis meine Mutter von der Arbeit kam. Es wurde dunkel, aber die Gaslaternen und der Vollmond ließen keine totale Finsternis zu, zwielichtig. Läden hießen ganz anders, bizarr. Handys hatten eine seltsame Antenne, altbacken. Ich fühlte mich nicht wohl in der neuen und gleichzeitig alten Umgebung. Ich brach in Tränen aus. Mir wurde klar, dass meine Mutter nicht kommen würde. Ich war verloren. Denn ich begriff, dass ich in der Zeit gereist sein müsste.

Plötzlich hörte ich meinen Magen knurren. Hatte aber weder etwas Essbares noch Geld dabeigehabt. Dennoch besuchte ich einen Laden. Ich steckte mir ein oder zwei… gut, vielleicht aber auch drei oder vier Packungen von den teuersten Keksen ein. Doch zu meinem Pech erwisch mich der Kassierer dabei. Als ich aus dem Geschäft flüchtete, rann er mir hinterher. „HEEEEYY!“, rief der große Mann. Ich schrie auf und sprintete, ohne zu zögern entlang der Laternen, davon. Der Mann war mir dicht auf den Fersen. Ich versuchte ihn abzuhängen, doch ohne Erfolg. „Stehengeblieben! Hör doch was ich sage! Du Ladendieb!“, rief er durch die ganze Straße. Ich spürte mein Herz rasen. Kalter Schweiß, überall am Körper. Meine Beine bewegten sich immer weiter, obwohl ich dafür weder die Kontrolle noch die nötige Energie besaß. Ich spürte den eisig-kalten Gegenwind in meinem Gesicht. Es regnete. Ich lief direkt auf die hohe Brücke eines großen Flusses zu. Ich hatte keine andere Wahl. Mit einem großen Sprung trat ich auf das Geländer. Im selben Moment griff der gefährliche Mann mein rechtes Bein. Mit einem Mal sprang ich kopfüber Richtung Fluss. Doch, bevor ich den Fluss erreichte, wachte ich schreiend im Bett auf. Es war kein Krankenhausbett, sondern mein eigenes. Ich war schweißgebadet. Es war immer noch Nacht. Ich stieg aus dem Bett, um den gruseligen Mann draußen zu finden. Doch ich sah ihn nicht. Es parkten wieder die gewohnten Autos vor der Tür. Die Wanduhr schlug 3 Uhr. Ich kuschelte mich in mein warmes Bett und schlummerte sofort wieder ein. Die Flucht war anstrengend.

Am nächsten Morgen war dieses Ereignis schon fast vergessen. Als ich in den Fahrstuhl trat, waren auf den Tasten die gewohnten Zahlen abgebildet. Alles war wieder wie sonst. Ich konnte es nicht fassen… Habe ich mir diese andere Welt nur eingebildet? War das nur ein Traum? Aber an meinem rechten Bein hatte ich dennoch einen blutigen Kratzer… und woher kam das schrille Geräusch?

Beitragsbild und Text: Jiyan Kabak

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