Zoos, die letzte Hoffnung?

Zoos – lustige Affen, majestätische Löwen und tapsige Pandas. Wir alle haben sie bestimmt schon einmal mit größter Faszination durch die dicken Glasscheiben ihrer Gehege betrachtet und uns an ihrem Geschick, ihrer Pracht oder ihrer niedlichen Natur erfreut. Insbesondere Tierkinder sind eine beliebte Attraktion, die jährlich mehrere Millionen Menschen auf der ganzen Welt anzuziehen scheinen.

Nur die Wenigsten von uns werden sich als Kind nach solch einem erlebnisreichen Tag im Zoo einmal Gedanken über die artgerechte Haltung oder das Wohlergehen der Tiere gemacht haben. Und auch in seinem späteren Leben wird man gerne für diese Fragen belächelt. Zoos würden einen wichtigen Beitrag zum Artenerhalt leisten, heißt es dann oft. Laut einer Statistik der AZA, einer amerikanischen Vereinigung von Zoos und Aquarien, sind 77-83% der im Zoo lebenden Tiere jedoch gar nicht vom Aussterben bedroht.

Noch unbequemer scheint die Tatsache zu sein, dass wir Menschen den Grund für das viele Artensterben darstellen. WWF zufolge steigen seit 2007 die Zahlen der illegalen Jagden auf Wildtiere wieder an. Bis 2015 verschwanden ca. 110.000 afrikanische Elefanten. Allein im Jahre 2016 waren es ca. 20.000 Tiere dieser Art, die ihr Leben für den (illegalen) Handel mit ihren Körperteilen lassen mussten. Die Nachfrage ist riesig, besonders in China. Gab es im Jahr 2007 afrikaweit noch ungefähr 395.000-570.000 afrikanische Elefanten, so waren es 2015 laut WWF 20% weniger. Ein ebenso erschreckendes Beispiel stellt der Tiger dar, dessen Bestand der Organisationen nach innerhalb von 100 Jahren um 97% reduziert wurde. Ihm zum Verhängnis werden insbesondere seine begehrten Felle und Zähne.

Auch die Zerstörung von Regenwäldern sorgt für ein massives Artensterben. In den 1970er Jahren wurde der südostbrasilianische Regenwald, ursprünglicher Lebensraum des Goldenen Löwenäffchens, zu 98% ruiniert. Nur durch ein koordiniertes Zuchtprogramm, an dem sich 140 Nationen weltweit beteiligten, wurde das Überleben dieser Art gesichert. Damit stellt der Fall des Goldenen Löwenäffchens eher eine Ausnahme dar. Die Nachzuchten von Wildtieren sind so komplex, dass sie nur im seltensten Fall ‚gelingen‘. Genaue Statistiken dazu zu finden, gestaltet sich als schwierig. Hinweise darauf liefern allerdings die veröffentlichten Zahlen der Tier- und Umweltschutzorganisation Peta für den Zeitraum von 2005 bis 2020. Danach wurden innerhalb dieser Jahre durchschnittlich mehr als fünfmal so viele Wildtiere im- als exportiert, also tatsächlich wieder ausgewildert. Um ihre Käfige zu füllen, lassen Zoos also durchaus auch Tierkinder fangen und importieren. Dabei muss nicht selten für ein Junges eine ganze Familie erlegt werden. Einige Tierarten, beispielsweise der Gorilla, beschützen ihren Nachwuchs nämlich bis zum eigenen Tod.

Goldköpfiges Löwenäffchen (Bild von garethdoc auf Pixabay)

Auswilderungsversuche scheitern hauptsächlich daran, dass Wildtiere im Zoo ihre Naturinstinkte durch fehlende Fressfeinde und Sozialstrukturen sowie ein dauerhaft gegebenes Nahrungsangebot verlieren, und somit nicht überleben würden. Aufgrund dieser Faktoren gelangen bisher nur wenige Auswilderungsversuche. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Auswilderung stellt die Geschichte vom Przewalskipferd dar. Das letzte freilebende Exemplar dieser Art wurde im Jahr 1969 beobachtet, danach galten die Tiere in freier Wildbahn als ausgestorben. Ihr Überleben sicherten spezielle Versuche der Nachzucht. Im Jahr 1990 gelang es erstmals, ein paar der Wildpferde zurück in die Heimaten (z.B. die Mongolei) ihrer Vorfahren zu entlassen. Doch auch hier gilt, wie bei den Goldenen Löwenäffchen: Der Mensch war der Grund des zu erwartenden Artensterbens; bei den Przewalskipferden lag es an der Jagd und Ausrottung der Tiere wegen ihres Fells und Fleisches-so Peta.

Przewalskipferd (Bild von Erdenebayar Bayansan auf Pixabay)

Ein logischer Schluss ist also, dass es effizienter wäre, (seltene)Tierarten vor Ort in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen. Es könnte beispielsweise das Geld, das sonst in Zoos fließt für neue Naturschutzgebiete genutzt werden. Dies würde einen sehr viel größeren Beitrag zum Artenschutz leisten, als es die Zoos aktuell tun. Dort versuchen wir, die Tiere dann notgedrungen zu retten, nachdem wir sie durch unser Handeln in Gefahr gebracht haben.

Auch wenn Tiere im Zoo weder Nahrungsmangel noch Fressfeinde zu befürchten haben, reicht dies noch lange nicht als Grundlage für ein artgerechtes oder gar längeres Wildtierleben aus. Einen sicheren Beweis dafür stellen zum Beispiel Elefanten dar, deren Lebenserwartung in Freiheit drei Mal so hoch liegt wie in Gefangenschaft. Dies zeigt noch einmal deutlich, dass Wildtiere hochkomplexe Lebewesen sind, die wie wir Menschen über eine vielschichtige Psyche verfügen, und deren Bedürfnissen wir mithilfe von Zoos niemals gerecht werden können. Es gilt, je größer das Revier, das ein Tier in Freiheit beanspruchen oder durchstreifen würde, desto häufiger weist es in Gefangenschaft Verhaltensstörungen auf. Spitzenreiter sind hierbei Eisbären, deren Zoogehege meist nur ein Millionstel dessen bieten, was sie sonst in ihrem Leben als ihr Revier bezeichnen würden.

Eine Studie der Universität Kent, die in sechs Zoos in Großbritannien und den USA durchgeführt wurde, kam zu einem schockierenden Ergebnis hinsichtlich der psychischen Belastung bei Zootieren. Alle 40 beobachteten Schimpansen wiesen mindestens ein abnormales Verhalten auf, wie zum Beispiel Selbstverletzung, Ausreißen der eigenen Haare oder Verzehr des eigenen Erbrochenen. Zu einem ähnlichen Ergebnis führte die 2014 durchgeführte Untersuchung des Great Ape Projects, einer Organisation, die sich vor allem für das Wohl von Menschenaffen einsetzt.  Diese ergab, dass jeder zweite Menschenaffe in Deutschlands Zoos eine Form der Verhaltensstörung aufweist.

Eine Giraffe, die ihre Gitterstäbe ableckt, ein Elefant, der wie wild von einem Bein aufs andere tritt oder ein immer rückwärtslaufender Panda – das alles mag für ein kleines Kind amüsant wirken, ist aber alles andere als lustig. Zudem hinterlässt das unnatürliche Verhalten der Zootiere bei Zoobesuchern und Zoobesucherinnen, insbesondere Kindern (die noch nicht in der Lage dazu sind, das Gesehene kritisch zu verarbeiten) einen falschen Eindruck der Tierarten. Somit erfüllen Zoos ihren Bildungsauftrag im Bezug auf Wildtiere nicht. Auch kann man sich die Frage stellen, wieviel ein Kleinkind tatsächlich durch das alleinige Betrachten der Zootiere über den Umwelt- und Artenschutz lernt. Hier wäre es also wesentlich effektiver, Aufklärungsarbeit über die Wichtigkeit des Schutzes der Tiere, z.B. durch Dokumentationen, zu leisten. Auch der ethische Aspekt sollte nicht außer Acht gelassen werden. Mit Wildtierzoos bringen wir Kindern indirekt von klein auf bei, dass der Mensch über dem Tier steht und das Recht hat, es ohne Weiteres einzusperren. Aber tut der Mensch das? Hat der Mensch das Recht, sich über das Tier zu stellen, das in Freiheit ein viel leidfreieres Leben führen könnte? Womit begründen wir das? Unsere Menschen-DNA stimmt laut der Universität Tübingen bis zu 98,7% mit der eines Menschenaffen, z.B. dem Schimpansen, überein. Wenn uns diese Lebewesen aus biologischer Sicht doch so ähnlich sind…ist es moralisch gesehen korrekt, dass wir sie in Zoos gefangen halten?

Wie alle ethisch­-philosophischen Fragen kann man auch diese weder klar mit ‚ja‘ noch mit ’nein‘ beantworten, aber sie bieten Raum für weitere spannende Diskussionen.

Text: Florentine Zoe A., Bilder: pixabay.de, unsplash.com

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