Tourismus trotz Pandemie?

Sabine Herzog ist Stadtführerin in Hildesheim. In dem folgenden Interview erzählt sie uns, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf den Tourismus in Hildesheim hat und welche Probleme damit einhergehen.

Wie lief eine Stadtführung für gewöhnlich vor der Corona-Pandemie ab?

Vor der Corona-Zeit haben die Gruppen bei der Hildesheim Marketing eine zweistündige Stadtführung gebucht, meist die Route „Hildesheim zum Kennenlernen“, und das wurde dann an mich weitergeleitet. Von dem Treffpunkt aus ist man dann die Welterbe-Route gegangen, sprich vom Marktplatz zum Dom, hoch zur St. Michaelis Kirche und wieder zurück zum Marktplatz.  Dabei wurden verschiedene Kirchen besichtigt und es gab eine kleine Domführung.

Wie haben sich die Führungen während der Pandemie verändert?

Zu Anfang gab es erstmal eine große Verwirrung. Es haben zwar Führungen stattgefunden, aber viel weniger als zuvor. Die großen Gruppen aus den Reisegesellschaften fielen fast komplett weg, sodass meist nur noch kleinere Gruppen, wie zum Beispiel Familien oder Ehepaare, Führungen gebucht haben. Bei dem ersten Lockdown mussten die Teilnehmenden, ausgenommen die Stadtführer, eine Maske tragen und es musste auf die Abstandsregeln geachtet werden. Außerdem durften wir die Kirchen nicht mehr besichtigen, weshalb alles vor den Kirchen erklärt werden musste und die Leute dann alleine reingeschickt wurden. Wir mussten unser Führungsprogramm also schon ein bisschen umstellen und anpassen.

Gibt es Dinge, die du anders umgesetzt hättest, als es die Maßnahmen vorgeschrieben haben?

Auf jeden Fall. Die festgelegte Gruppengröße betrug 20 Personen und bei den Führungen am Samstag war der Marktplatz zusätzlich voll von den Menschen, die den Markt besuchen. Da hatte man echt Probleme alle Maßnahmen und Regeln einzuhalten. Oft musste ein weiterer Stadtführer engagiert werden, da die Gruppen sonst zu groß waren. Für mich persönlich war das schon ziemlich schwierig.

Haben sich die Gruppen denn auch immer an die vorgegebenen Maßnahmen gehalten?

Natürlich nicht. Zum Schluss wurde es echt anstrengend, da man die Menschen immer wieder darauf hinweisen musste, die Masken aufzusetzen. Da ich beim ersten Lockdown als Führerin noch keine Maske tragen musste, kam es oft zu Diskussionen, warum die Teilnehmer eine Maske tragen müssen und ich nicht. Es gab sogar zwei Momente, bei denen ich die Führungen fast abgebrochen hätte, da ich selbst unter Beobachtung stehe und als Führerin dafür sorgen muss, dass die Maßnahmen eingehalten werden.

Da du bei deinen Führungen ja sehr viel erzählst, stellt sich mir die Frage, wie es für dich war, beim zweiten Lockdown eine Maske tragen zu müssen?

Ich war sehr froh darüber, dass ich anfangs keine Maske tragen musste, da sich das für mich beim zweiten Lockdown schon als eine Einschränkung rausstellte. Ich versuche, die Leute bei meinen Führungen sehr viel durch meine Mimik zu erreichen, was sich dann natürlich als sehr schwierig erwies. Außerdem war es nach zwei Stunden schon sehr anstrengend und lästig, die Maske zu tragen.

Wie lief es bei den anderen Führungen ab, wie zum Beispiel die im Wildgatter, welches zurzeit geschlossen ist? 

Im Sommer gab es ein paar Führungen, aber viele sind auch einfach nicht gekommen. Es gab also einen kompletten Einbruch. Wir hatten aber zum Beispiel eine Führung von einem geistig und körperlich behinderten Mädchen, welches nicht mehr lange zu Leben hat. Sie konnte dann in die Gehege fahren und dort die Ziegen und Meerschweinchen streicheln. Wir als Führer durften  wegen der Abstandsregeln jedoch nicht wirklich viel machen, weshalb uns die Eltern unterstützten und uns einige Aufgabe abnahmen.

Was machst du jetzt in der Zeit, wo keine Stadtführungen stattfinden können?

Ich nutze die Zeit, um mich in neue Themen einzuarbeiten. Wir bereiten mit Hildesheim Marketing neue Führungen vor, wie zum Beispiel eine kulinarische Führung, bei der ich als Zeitreisende unterwegs bin. Außerdem  planen wir für das kommende Jahr, das große Seuchenjahr, auch einiges. Im Museum wird es eine Seuchenausstellung geben, in der wir als Stadtführer mit eingebunden werden.

Wie hat sich dieser Einbruch finanziell auf dich und deine Familie ausgewirkt hat?

Da ich die Führungen nur nebenberuflich mache, übe ich mit meiner Selbstständigkeit nur ein Kleingewerbe aus. Mit meinem Hauptberuf beim Landkreis bin ich finanziell abgesichert, weshalb ich gewisse Gelder nicht beantragen kann. Trotzdem fehlen mir im Monat zwischen 300 und 500 Euro und dadurch fallen für mich und meine Familie schon ein paar Sachen weg.

Wie, glaubst du, wird sich deine Zukunft als Stadtführerin entwickeln?  

Ich denke, dass, so lange es noch keinen Impfstoff gibt, alles weiter auf Sparflamme laufen wird. Führungen könnten in Zukunft mehr virtuell stattfinden, jedoch würde das für mich nicht in Frage kommen, da ich den Kontakt zu den Menschen bei meinen Führungen brauche. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn man früher mit den Maßnahmen gestartet hätte, da eine zweite Welle ja abzusehen war. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass man mehr an die Menschen denkt, bei denen viel durch die Pandemie weg bricht und diese mehr fördert und ihnen mehr Beachtung schenkt.


Zur Person: Sabine Herzog ist 52 Jahre alt und lebt mit ihren zwei Töchtern in Hildesheim. Hauptberuflich arbeitet sie beim Landkreis als Sachbearbeiterin. Ihren Nebenberuf als Stadtführerin macht sie aus Leidenschaft. Es bereitet ihr viel Spaß und Freude, anderen Menschen einen Teil ihrer Heimat zu zeigen und die Geschichte dahinter zu erzählen.

Text: Karina Thiessen; Bild: pixabay; Interview geführt am 21.11.2020

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